Neue Lkw: Vom Test bis zur Serienreife
19.07.2021 | Oliver Jesgulke

Vom Test bis zur Serienreife: Gut Lkw will Weile haben

Bis zum ersten Kundeneinsatz hat ein neuer Lkw einen langen Weg vor sich. Immer dabei: Testfahrer*innen. Sie erproben sämtliche Fahrfunktionen und setzen das Fahrzeug extremen Bedingungen aus.

Computer-Simulation ist nicht alles. Bevor ein Lkw die Straßenzulassung bekommt, muss er sich im Realbetrieb beweisen. Auf Teststrecken bereiten Ingenieur*innen und Mechaniker*innen von Herstellern wie Daimler, MAN oder Scania die Serienreife der nächsten Lkw-Generation vor. Hier werden neue Modelle auf Herz und Nieren getestet. Die ATP Automotive Testing Papenburg im Emsland betreibt eines der weltweit größten Areale zum Testen von Personen- und Nutzfahrzeugen. Das 780 Hektar große Gelände bietet zahlreiche Teststrecken, Werkstätten und dazugehörige Prüfeinrichtungen. Es steht nationalen und internationalen Herstellern und Zulieferern offen. Darunter befindet sich ein Ovalrundkurs mit einer Länge von über zwölf Kilometern und vier Fahrbahnen auf den Geraden und fünf in den Steilkurven. Die Steilkurven haben eine Länge von mehr als zwei Kilometern und einen Neigungswinkel von fast 50 Grad. Darüber hinaus gibt es eine Fahrdynamikfläche, eine Bremsmessstrecke, einen sogenannten Nasshandlingskurs, Steigungsstrecken und Schlechtwegkurse mit unterschiedlichen Fahrbahnzuständen und -oberflächen.

Wie ein neuer Lkw auf die Straße kommt

Bis ein Lkw final abgenommen ist, legen über 100 Testfahrer*innen mehrere Millionen Kilometer Asphalt zurück. Dabei stehen eigens gebaute Testfahrzeuge für die Erprobungen zur Verfügung. Diese sind mit spezieller Messtechnik ausgestattet. Nach jeder Fahrt werden die gesammelten Daten ausgewertet, um mögliche Schwachstellen zu identifizieren und entsprechende Maßnahmen abzuleiten. Bei den Fahrten überprüfen die Testfahrer*innen immer auch das Zusammenspiel von einer Komponente mit dem gesamten Fahrzeug. Dabei muss alles optimal ineinandergreifen: Antrieb, Komfort im Fahrerhaus, Sicherheitsassistenzsysteme und Aerodynamik. Auf dem Weg zum fertigen Produkt entstehen so Dutzende Prototypen. Während die Testgelände die Möglichkeit bieten, das Fahrzeug bereits im frühen Entwicklungszustand zu prüfen, unterstützen Erprobungen auf öffentlichen Straßen dabei, die Arbeitsbedingungen von Fahrer*innen im Fern- sowie Verteilerverkehr nachzuempfinden.

Tests unter extremen Witterungsbedingungen

Sowohl unter winterlichen als auch unter sommerlichen Verhältnissen verlangen Testfahrer*innen dem neuen Lkw das Maximum ab. Dafür sind sie jeweils mehrere Monate im Ausland unterwegs und erproben das Nutzfahrzeug unter extremen Bedingungen. In Finnland beispielsweise, wo die Fahrer*innen bei minus 35 Grad das Kaltstartverhalten überprüfen, oder während der Dauerlauferprobung bei bis zu 48 Grad im Wüstensand von Abu Dhabi.

Testfahrer*innen arbeiten teilweise im Dreischichtbetrieb und sind bis zu 100.000 Kilometer im Jahr auf Teststrecken oder im Straßenverkehr unterwegs. Dabei unterscheiden Hersteller zwischen zwei Arten von Testfahrer*innen. Dauerlauf-Testfahrer*innen spulen bestimmte Fahrprofile ab, mehrere Hundert Kilometer pro Tag. Dadurch soll die Dauerhaltbarkeit der Teile simuliert und bewertet werden. Die Mitarbeitenden haben üblicherweise eine Ausbildung als Mechaniker*in, Mechatroniker*in oder Techniker*in absolviert. Zudem gibt es Versuchsingenieur*innen, die direkt an der Entwicklung der Komponenten beteiligt sind. Beide Erfahrungswerte sind für die Abstimmung des Lkw Gold wert.

Abbiegeassistent und Navigationssystem im Arbeitsalltag

Bei den Erprobungen sind nicht nur die werkseigenen Testfahrer*innen gefragt. So machen sich die zuständigen Entwicklungsvorstände auch gerne ein persönliches Bild vom Reifegrad der Modelle und setzen sich selbst hinter das Lenkrad, um ein Gefühl für den Lkw zu bekommen und Feedback zu geben.

Aber auch Fernfahrer*innen selbst werden mit einbezogen. Einige von ihnen testen einzelne Features im Arbeitsalltag wie Abbiegeassistent oder Navigationssystem. So können die Hersteller auf Optimierungswünsche eingehen und Anpassungen vornehmen. Denn diese kleinen, aber bedeutenden Änderungen machen einen gewaltigen Unterschied.

 

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