14.10.2020 | Oliver Jesgulke

Tankstellen im Wandel: Wie sieht die Zukunft aus?

Über 100.000 Tankstellen gibt es aktuell in Europa, 14.500 davon in Deutschland. Neue Mobilitätsformen verändern das Geschäftsmodell. Wie wird in Zukunft der Tankstopp für Lkw-Fahrer aussehen?

Tanken, Beine vertreten, Zigarettenpause, Toilettengang, Plausch mit Kollegen, Schlafplatz – die Tankstellen und Autohöfe entlang der Autobahnen sind für Fernfahrer ein Stück Heimat auf Zeit. Doch die Infrastruktur ist im Wandel. Viele Tankstellenbetreiber haben bereits begonnen, ihr Angebot auf die Versorgung batterieelektrischer und wasserstoffbetriebener Fahrzeuge umzustellen.

Grafik zu Antriebsarten bei Lkw

So entwickeln sich laut Studie von DLR und Aral die Antriebsarten bei Lkw. Grafik: Aral AG

Die Tank- und Rastanlage Fürholzen an der A9 rund 30 Kilometer nördlich von München bietet bereits seit 2017 Zapfsäulen für jeden Antrieb: Flüssiggas, Erdgas, Wasserstoff und Strom. Dabei läuft die Anlage durch eine Photovoltaikanlage sowie eine eigene Wasserstoffproduktion nicht nur autark, sondern produziert mehr Energie, als sie verbraucht. Das Plus an erzeugtem Strom wird in das lokale Netz eingespeist.

Die Energiegewinnung könnte ein echter Game Changer werden. Die Schweizer Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) prognostiziert, dass Tankstellen mit überschüssiger Energie künftig sogar Kraftstoffe vor Ort selbst produzieren. Neben Strom für batteriebetriebene Fahrzeuge und Wasserstoff ließen sich so synthetische Diesel- und Benzinkraftstoffe herstellen. Mineralölkonzerne reagieren mit verschiedenen Konzepten auf den sich abzeichnenden Mobilitätswandel und den technologischen Fortschritt. In einer gemeinsamen Studie haben Aral und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sehr konkret und bildhaft die Mobilitätstrends bis 2040 für ganz Deutschland skizziert.

Tankstellen werden zum modernen Mobilitätshub

Die Entwürfe sehen zukünftig Tankstellen entlang der Autobahnen als „grüne“ Service-Welten und moderne Mobilitätshubs für Reisende, Pendler und Trucker. Die Standorte sollen aber nicht nur Kraftstoffe anbieten, sondern als kundenorientierte Reparatur- und Servicestationen fungieren. Ein weiterer Zukunftsbaustein ist die Funktion als Verteilzentrum für autonome Fahrzeugflotten. So würden Fernfahrer künftig seltener die Fracht direkt zum Bestimmungsort bringen, stattdessen übernehmen autonome Lkws und Transporter die „letzte Meile“ bzw. die Fahrt in die Stadt. Die Trucker könnten währenddessen in der Lounge ihre Pause verbringen. Für längere Pausen und Übernachtung böten sich dem Lkw-Fahrer in der Zukunft preisgünstige Schlafcubes an.

Tankstelle der Zukunft: An der Autobahn

So könnte die Tankstelle der Zukunft an der Autobahn aussehen. Grafik: Aral AG

Außerdem sieht die Studie die Tankstelle in 20 Jahren als einen Knotenpunkt, an dem unterschiedlichste Mobilitätsformen aufeinandertreffen. So gehören unter anderem Landeplätze für Flugtaxis und Verleihstationen für Fahrzeuge zum Bild. Die Tankstelle als 24-Stunden-Supermarkt spielt schon heute eine wichtige Rolle und ist in der Projektion auch eine tragende Säule. Mit dem Ausbau von Gastronomiewelten solle die Attraktivität als Konsumzentrum weiter gesteigert werden. Zusätzlich könnten Tankstellen auch als Haltestelle innerhalb des Fernbusverkehrs dienen. In den kommenden Jahren möchte Aral einzelne Bausteine an unterschiedlichen Standorten testen.

Tankautomat als Zukunftsalternative?

Was bei Zukunftsszenarien für die Tankstellen immer wieder diskutiert wird, ist die Automatisierung des Tankvorgangs ohne Personal. Dazu fahren Autos oder Lkw an eine Zapfsäule mit einem Roboterarm. Dieser fährt automatisch an die Tankklappe heran, setzt den Füllarm mithilfe von Sensorik auf und verbindet ihn mit dem Einfüllstutzen. Das Unternehmen Fuelmatics erprobt seit einigen Jahren das Drive-In-Konzept für Tankstellen. Der Roboter übernimmt den kompletten Tankvorgang.

Durch die optimierte Verbindung mit dem Tank ist eine höhere Füllgeschwindigkeiten möglich. Neben dem Zeitgewinn soll das System auch umweltschonend sein, da kein Kraftstoff mehr verschüttet werden kann. Die Bezahlung erfolgt zum Schluss kontaktlos per App, ohne dass der Fahrer aussteigen muss. Die Quittung gibt es per E-Mail. Dadurch soll die Dauer des Stopps um rund 50 Prozent verringert werden. Und auch für Tankstellen mit Shopkonzept gibt es eine Lösung: Per Gegensprechanlage kann man sich Waren direkt zum Fahrzeug bringen lassen. Die Entwickler adressieren mit der Technologie insbesondere stark frequentierte Tankstellen.

Mautbefreiung für Elektro-Lkw

Lkw an der Stromsäule – Das Aufladen muss vor allem schnell gehen. Foto: MAN

Was bei der konventionellen Betankung geht, sollte auch für die Elektromobilität möglich sein. Das Fuelmatics-Tochterunternehmen Powerswap will das Laden von Elektrofahrzeugen an Tankstellen in Zukunft deutlich schneller machen: Anstatt das Kabel anzuschließen und zu warten, bis der Pkw oder 3,5-Tonner „aufgetankt“ ist, soll die Batterie mithilfe eines Roboters in drei Minuten ausgetauscht werden. Der Hintergedanke: Für Autos und kleine Lieferfahrzeuge schafft man einheitliche, entnehmbare Akkus. Übrigens: Wie fast immer im Automobilbau gilt auch für Austausch-Akkus – alles schon einmal dagewesen. So brachte Mercedes-Benz in den 1970er-Jahren den elektrisch angetriebenen Transporters LE 306 auf die Straße. Dessen Antriebsbatterien wurden wie eine Schublade von der Seite eingeschoben.

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