14.08.2018 | Stephanie Kunert

Sekundenschlaf, der über Leben und Tod entscheidet

Der Sekundenschlaf ist eines der Hauptrisiken bei langen Autofahrten und jedes Jahr für eine Vielzahl gefährlicher, zum Teil tödlicher Verkehrsunfälle verantwortlich. Experten schätzen, dass rund 20 bis 25 Prozent aller Verkehrsunfälle durch Müdigkeit am Steuer verursacht werden. Je schwerer das Fahrzeug, desto fataler oft die Folgen.

Sekundenschlaf – Lkw-Fahrende sind besonders gefährdet

Müdigkeit am Steuer kann jeden treffen. Lkw-Fahrende stellen jedoch eine besondere Risikogruppe dar: Sie sitzen lange hinter dem Lenkrad, legen häufig monotone Strecken zurück, haben oft unregelmäßige Schlafzeiten und sind teils auch mitten in der Nacht unterwegs. Eine persönliche Befragung (2017) von über 350 Lkw-Fahrenden im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) und der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) zeigte: 85 Prozent der Befragten glauben, den Einschlafzeitpunkt am Steuer vorhersehen zu können. Viele unterschätzen somit die Gefahr von Müdigkeit hinter dem Steuer. Doch weder durch Erfahrung noch durch Willenskraft lässt sich akute Müdigkeit beim Fahren kompensieren.

Ein Sekundenschlaf kann schnell über Leben und Tod entscheiden. Ein Lkw-Fahrer, der bei Tempo 80 für drei Sekunden hinter dem Lenkrad einnickt, legt in dieser Zeit 70 Meter im Blindflug zurück. Beim Aufwachen kommt es häufig zu Fehlreaktionen durch ruckartiges Lenken oder heftiges Bremsen mit schweren Folgen. Ist dann auch noch ein Unfall die Folge, kann es für die Betroffenen teuer werden: Wer müde einen Unfall verschuldet und sich oder andere schädigt oder sogar verletzt, muss nach § 315c Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einer hohen Geldstrafe rechnen.

Sekundenschlaf am Lkw-Steuer ist ein aktuelles Thema. Quelle: DVR

Sekundenschlaf am Lkw-Steuer ist ein aktuelles Thema. Quelle: DVR

Der Sekundenschlaf kündigt sich durch zunehmende Müdigkeit an. Wer sich häufiger die Augen reibt oder bemerkt, dass sich sein Lidschlag erhöht, sollte diese Warnsignale richtig deuten, mahnt der Verkehrssicherheitsrat. Auch häufige Lenkkorrekturen können ein Anzeichen starker Müdigkeit sein. Fahren bei Müdigkeit ähnelt sehr stark dem Fahren im angetrunkenen Zustand. Bei Versuchen wurde festgestellt, dass 24 schlaflose Stunden die gleiche Auswirkung auf die Fahrtüchtigkeit haben wie ein Promille Alkohol im Blut.

Ausreichend Schlaf ist besonders wichtig

Lkw-Fahrende sollten insbesondere vor längeren Touren versuchen, genügend zu schlafen. „Ausreichend Schlaf ist das A und O und wichtig für eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr“, erklärt Dr. Hans-Günter Weeß, Vorstandsmitglied der DGSM. Lkw-Fahrende dürfen laut der gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten maximal neun Stunden täglich fahren und müssen spätestens nach viereinhalb Stunden ruhen.

Wer diese Pause richtig nutzt, kann die Wahrscheinlichkeit am Steuer müde zu werden, reduzieren. In einer erholsamen Pause bringt man den Kreislauf durch Bewegung auf Trab. Oder man bekommt durch einen Kurzschlaf von zehn bis 20 Minuten wieder neue Leistungsfähigkeit. „Stellen Sie sich dazu einen Wecker, lehnen Sie sich zurück, schließen Sie die Augen und kommen Sie langsam zur Ruhe“, so Börries. Wer möchte, kann vor dem Kurzschlaf noch einen Kaffee trinken. Das darin enthaltene Koffein wirkt erst nach 30 Minuten. Es hindert daher nicht beim Einschlafen, erleichtert aber das Wachwerden und verstärkt so den Erfrischungseffekt.

So geht´s richtig: Pausen sollten vorbeugend genutzt werden. Quelle: DVR

Arbeitgeber und Fahrer gemeinsam in der Verantwortung

Viele bleiben trotzdem übermüdet auf der Straße, um Termine einzuhalten und Zeitverluste aufzuholen. Denn Baustellen und Unfälle sowie das Warten an den Be- und Entladestellen kosten oft wertvolle Minuten oder Stunden und erhöhen den ohnehin großen Termindruck. Laut § 20a der Fahrpersonalverordnung müssen jedoch Unternehmen die Fahrten so planen, dass den Fahrenden ausreichend Zeit bleibt, die gesetzlichen Vorschriften zu berücksichtigen. Dabei istauch wichtig, dass Fahrer Pausen tatsächlich nutzen, um sich zu erholen.

Fast jeder Dritte wünscht sich von seinem Arbeitgeber durch die Routenplanung und Rampenvorgaben, weniger unter Druck gesetzt zu werden (36 Prozent). Die Lkw-Fahrenden können die Routenplanung von Transportunternehmen und die Rampenvorgaben vom Verlader oft nicht einhalten. Gründe sind meist Staus durch Baustellen oder Unfälle. Ein weiteres Ergebnis der Befragung: Fast jeder Dritte wünscht sich von seinem Arbeitgeber, auch außerhalb der gesetzlichen Ruhezeiten bei akuter Müdigkeit eine Pause machen zu dürfen (34 Prozent).

Sekundenschlaf ist eine Frage der Gesundheit und der Sicherheit der Fahrer. Da müssen Unternehmen und Fahrer zusammenarbeiten. Quelle: DVR

Ausgeruhte Lkw-Fahrer sind fitter und zufriedener

Unternehmen sollten die Wünsche ihrer Angestellten ernst nehmen. So vermitteln sie, wie gefährlich es ist, am Steuer einzuschlafen und wie wichtig es ist, ausreichend zu schlafen. „Schlaf trägt zur geistigen und körperlichen Regeneration bei und schützt so nicht nur vor psychischen Belastungen, sondern auch vor körperlichen Erkrankungen wie Bluthochdruck“, erklärt Dr. med. Alfred Wiater, Vorsitzender der DGSM. Das tatsächliche Schlafbedürfnis ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Grundsätzlich hat man dann genug geschlafen, wenn man sich morgens ausgeschlafen, emotional ausgeglichen und leistungsfähig fühlt. Ausreichend Schlaf trägt somit nicht nur zur Gesundheit, sondern auch zur Zufriedenheit, Konzentration und damit auch Sicherheit der Lkw-Fahrenden bei.

Kommentare (0)