07.08.2018 | Stephanie Kunert

Schwerlasttransporter sind die Giganten der Straße

Zu schwer gibt’s nicht für sie: Schwerlasttransporter kommen immer dann zum Einsatz, wenn die Fracht nicht mehr der Norm entspricht.

Wäre der griechische Halbgott Herkules ein Truck, wäre er ein Schwerlasttransporter. Die Riesen der Straße transportieren Teile von Windkraftanlagen und Raketen, Turbinen oder Kräne. Sie sind beladen mit gigantischen Mengen an Kies, Stahl und Kabelrollen. Sie bringen ganze Lkw, Boote, Häuser, Flugzeuge und sonstige sperrige Konstruktionen an ihren Bestimmungsort. Ebenso beeindrucken die Kennzahlen der eingesetzten Trucks: 13-Liter- oder 16-Liter-Motoren, bis zu 750 PS, maximales Drehmoment von bis zu 3.550 Nm, Achskonfiguration von 10×6. Solche Kraftpakete auf deutschen Straßen befördern Schätzungen zufolge jährlich mehrere Millionen Tonnen Fracht durch die Republik und in angrenzende Länder. Ohne sie würde die deutsche Wirtschaft nicht mehr richtig laufen. Der Maschinen- und Anlagenbau ist auf sie ebenso angewiesen wie das boomende Baugewerbe. Auch die Energiewende wäre ohne sie nicht zu stemmen, etwa zum Transport und Aufbau von Windrädern.

Bundesweite Statistiken zu diesem Thema werden nicht einheitlich geführt. Über das elektronische „Verfahrensmanagement für Großraum- und Schwertransporte“ der 16 Länder wurden allerdings seit dem Start 2007 bis Mitte 2017 rund drei Millionen Vorgänge abgewickelt. Einige Bundesländer wie Sachsen-Anhalt führen auch eigene Zahlen: Nach Angaben des Landesverwaltungsamts in Halle ist zum Beispiel die Anzahl von begleiteten Schwerlasttransporten von rund 100.000 im Jahr 2015 auf über 128.000 im vergangenen Jahr gestiegen. Die meisten Transporte führen über die Straße. Das hat ihren Grund: Alternativen sind rar. Denn selten führen Wasserwege und Schienen direkt zum Zielort. Zum anderen sind Binnenschiffe und Bahnstrecken meist nicht ausgelegt für die Ausmaße großer Transportgüter. Hinzu fehlen vielerorts geeignete Umladestationen. Und Luftschiffe wie das gescheiterte Cargolifter-Projekt oder Großdrohnen blieben bislang Simulationen oder beschränkten sich auf Testflüge.

Planungen und Genehmigungen notwendig

Jede Fahrt ist eine Herausforderung für die Speditionen, Fahrer, Zugmaschinen und Spezialtrailer. Die überdimensionierten Transporter sind höher als manche Autobahnbrücken, breiter als manche Straße, hunderte Tonnen schwer. So muss für jedes Vorhaben eine minutiöse Route vorab geplant werden. Dabei müssen die Planer Straßenbreiten, den Zustand von Fahrbahnen, Kurvenradien und die Belastbarkeit von Brückenfundamenten sowie die Höhe von Unterführungen bzw. Tunnel berücksichtigen. Ein Schwerlasttransporter kann dann aber nicht einfach losfahren. Für jede Fahrt braucht das durchführende Logistikunternehmen eine Erlaubnis der Straßenverkehrsbehörde, in deren Zuständigkeitsbereich der Transport startet bzw. in deren Bezirk die Betriebsstätte oder Niederlassung des Auftraggebers liegt. Oft sind sogar Gutachten von Statikern notwendig. Denn sobald ein Lkw mehr als 41 Tonnen Last transportiert, sobald er länger als 16,5 Meter, höher als vier und breiter als 2,5 Meter ist, gelten eine Reihe von zusätzlichen Richtlinien.

Ein Großteil der Transporte wird nachts zwischen 22 und 6 Uhr durchgeführt. Es gibt aber auch Ausnahmen für Tagfahrten bei besonderen Gütern. Aufgrund der schieren Größe fahren die Schwerlaster daher meist mit weniger als 30 Kilometer pro Stunde. Zudem ist unterwegs Feingefühl und Improvisationstalent gefragt. Denn wenn bis zu 60 Meter lange Ungetüme mit 20 Achsen über Autobahnen und Bundesstraßen, durch enge Kurven und schmale Straßen von Städten und Dörfern langsam manövriert werden, sind Hindernisse vorprogrammiert, wie Ampeln, Straßenschilder und falsch geparkte Fahrzeuge. Mit dabei sind in jedem Fall ein bis mehrere Begleitfahrzeuge, sogenannte BF3- oder BF4-Fahrzeuge. Diese stechen durch ihre schwefelgelbe Farbe und den besonderen Dachaufbau, der in alle Richtungen Verkehrszeichen anzeigen kann, besonders hervor.

Fachkräftemangel auch bei Fahrern für Schwertransporter

Grundlage für einen Fahrer von einem Schwerlasttransporter ist die Fahrererlaubnis CE. Wer diese erwirbt, kann Lkw über 7.5 Tonnen zulässiger Gesamtmasse und Anhänger sowie Sattelanhänger mit einem zulässigen Gesamtgewicht über 750 kg bedienen. Das bedeutet, dass es keine Begrenzung für den Inhaber gibt. Doch Schwertransportfahrer ist im eigentlichen Sinne kein Berufsbild. Als Berufskraftfahrer wird man praktisch auf dem Wege der Weiterqualifizierung zum Kapitän der ganzen großen Trucks. Und das ist auch dringend geboten: Das technische Gerät, die Ladungssicherung, die rechtlichen Rahmenbedingungen – alles ist anders als im täglichen Speditionsgeschäft. Doch auch der Fachkräftemangel ist bei Schwertransportunternehmen längst Thema. Immer weniger Nachwuchs kommt nach und bringt selten wertvolle Erfahrung als ehemaliger Wehrpflichtiger oder Zeitsoldat bei der Bundeswehr mit. Denn vor allem Soldaten des Heeres führen regelmäßig Groß- und Schwerlasttransporte durch.

Entlastung der Polizei bei Schwertransporten

Früher eskortierte vor allem die Polizei Schwerlasttransporte. Da die Zahl der Großraum- und Schwertransporte immer weiter zunimmt, stellt das bundesweit die Behörden vor das Problem, genügend Beamte zur Verfügung zu stellen. Zur Entlastung setzen daher zahlreiche Bundesländer heute „Hilfsbeamte“ für die Begleitung ein. Beispielsweise wurden in Niedersachsen von Anfang 2016 bis Anfang 2018 von über 55.000 begleitungspflichtigen Schwertransporten rund 31.000 durch private Hilfspolizisten betreut. Diese Einsatzkräfte sind in dem Bundesland bei privaten Sicherheitsfirmen angestellt und wurden an der Polizeiakademie auf ihre Aufgaben vorbereitet. Künftig sollen Schwertransporte ausschließlich durch geeignete Privatunternehmen begleitet werden. Ein entsprechendes Gesetz hat der Bundestag bereits 2016 verabschiedet.

Info:

Der europäische Verband für Straßentransporte und Mobilkrane vergibt seit 1976 jährlich den ESTA-Award für herausragende Kran- und Schwertransporteinsätze sowie für besondere technische Entwicklungen in insgesamt elf Kategorien. Regelmäßig gewinnen deutsche Transportunternehmen Auszeichnungen für ihre Arbeit.

Videobox:

Um seine Schwerlaster zu promoten, hat der schwedische Nutzfahrzeughersteller Volvo ein spektakuläres Video gedreht. Im Video treibt man die Anforderungen auf die Spitze: Ein rund 300 Meter langer Lastzug wird aus zusammengekoppelten Anhängern mit insgesamt 40 beladenen Containern gebildet. Das Gesamtgewicht inkl. Lkw beträgt 750 Tonnen. Das entspricht etwa vier 747 Boeing Jumbojets. Aus dem Stand soll der Truck 100 Meter fahren. Schafft er es?

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