Lkw auf Autobahn
08.11.2018 | Stephanie Kunert

Lkw-Maut verursacht kaum Ausweichverkehr

Nicht erst seit der Ausweitung der Lkw-Maut auf alle Bundestraßen schwingt ein Thema mit. Gemeinden haben Angst vor Ausweichverkehr von Lkw auf kleinere, nicht mautpflichtige Straßen. Aber gibt es den wirklich?

Untersuchung belegt: Ausweichverkehr findet kaum statt

Schon zum Start der Lkw-Maut im Jahr 2005 gab es intensive Debatten über den vermeintlichen oder realen Mautausweichverkehr. Mehrere Gutachten wurden damals beauftragt und durchgeführt, um die Diskussion zu versachlichen. Auch nach der ersten Ausweitung der Lkw-Maut 2012 auf circa 1100 Kilometer Bundesstraßen kam das Thema Mautausweichverkehr in der Öffentlichkeit wieder auf. Daraufhin wurde das Fahrverhalten von Lkw untersucht. Ende 2016 wurde der „Bericht über Verkehrsverlagerungen auf das nachgeordnete Straßennetz in Folge der Einführung der Lkw-Maut“ an den Bundestag übergeben. Dieser stellte fest, dass die zum 1. August 2012 eingeführte Bundesstraßenmaut auf ca. 1.100 km Bundesstraßen kaum zu Verlagerungen geführt hat. Auf ungefähr eineinhalb Prozent aller Bundes- und Landesstraßen ist der Mautausweichverkehr sogar signifikant zurückgegangen und verlagerte sich im Wesentlichen auf die Autobahnen zurück.

Bisher keine Zählungen für Bundesstraßenmaut

Wie die Entwicklung des Ausweichverkehrs seit der Ausweitung der Lkw-Maut auf alle Bundesstraßen am 1. Juli 2018 aussieht, kann erst nach entsprechenden Verkehrszählungen bewertet werden. Professor Gernot Liedtke vom Institut für Verkehrsforschung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) beschäftigt sich bereits seit Jahren mit der Lkw-Maut und dem Thema Mautausweichverkehr. Die Redaktion des Toll Collect-Blogs hat mit ihm darüber gesprochen, ob er  Mautausweichverkehr erwartet. Für ihn ist ganz klar: „Ich rechne damit, dass es vereinzelt zu lokalem Ausweichverkehr kommen kann – aber dies wird wahrscheinlich nicht vergleichbar sein mit den anfänglichen Effekten 2005.“

Experte, wenn es um Ausweichverkehr geht: Prof. Gernot Lietdke

Experte, wenn es um Ausweichverkehr geht: Prof. Gernot Lietdke

Gute Gründe gegen den Ausweichverkehr

Transport- und Logistikunternehmen stehen unter einem enormen Zeit- und Kostendruck. Um rentabel arbeiten zu können, müssen sie in der Lage sein, möglichst viele Aufträge auszuführen. Das können sie nur, wenn sie direkte Wege auf gut ausgebauten Straßen wählen. Das Ausweichen auf das nachgeordnete Straßennetz ist in der Regel teurer als die anstehenden Mautgebühren und kostet mehr Zeit.

Professor Liedtke sieht nur zwei Szenarien, bei denen es sich für Lkw-Fahrer lohnt, eine mautpflichtige Strecke nicht zu nutzen. Zum einen dann, wenn ein Fahrer mehrere Speditionskunden anfährt und der kürzeste Weg zum nächsten Kunden nicht über die nächstgelegene Autobahnauffahrt, sondern zur übernächsten und vorher über die Landstraße führt. Zum anderen lohne sich ein Ausweichen, wenn ein Fahrer bei einem rechtwinkligen Autobahnnetz eine Ecke passieren müsse, an der traditionell Stau herrsche. Hier biete es sich an, auf eine diagonal verlaufende, nicht bemautete Straße auszuweichen.

Er rechnet in diesem Zusammenhang sogar damit, dass es aufgrund der Bundesstraßenmaut eine Rückverlagerung des Lkw-Verkehrs auf Autobahnen geben kann. Nämlich dort, wo es einige Jahre möglich war, auf der Bundesstraße eine mautpflichtige Autobahnstrecke zu umfahren.

Rücksichtnahme entlastet Bürger und Gemeinden

Große Anteile an einem „gefühlten Ausweichverkehr“ sind tatsächlich darauf zurückzuführen, dass der Lkw-Verkehr allgemein und fast überall stark angestiegen ist. Anwohner nehmen das, was vor der eigenen Haustür passiert, besonders stark wahr. In Wahrheit fahren aber woanders auch mehr Lkw, nur sieht man das nicht. Was können Bürger einer Gemeinde tun, sollten sie doch das Gefühl haben, dass in ihrem Ort Ausweichverkehr stattfindet? Der erste Weg ist dabei, sich an die Landes- und Kommunalpolitik zu wenden. Professor Liedtke vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt weiß: „Es helfen nur Durchfahrtsverbotsschilder mit der Ausnahme für den örtlichen Lieferverkehr.“ Bereits 2005 hätten Gemeinden, die in der Anfangsphase der Lkw-Maut unter gestiegenem Lkw-Verkehr litten, diese Schilder aufgestellt. Doch er mahnt: „Aber zuerst sollte man an das Gewissen der lokalen Industrie appellieren, damit sich die Lkw vor Ort auf freiwilliger Basis an die Vorgaben halten.“

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