30.04.2019 | Stephanie Kunert

Nachhaltigkeit gewinnt – Jurysitzung für Eco Performance Award in Berlin

Der Eco Performance Award für Nachhaltigkeit im Sraßengüterverkehr wird bereits seit 2006 vergeben. Heute tagt die achtköpfige Jury in der Toll Collect-Zentrale in Berlin und entscheidet, welche Unternehmen sie in diesem Jahr für die Awards nominiert. Als Jurymitglied dabei ist Toll Collect-Chef Gerhard Schulz.

Mitbegründer des Eco Performance Award ist Institut für Supply Chain Management der Universität St. Gallen. Prof. Dr. Wolfgang Stölzle ist dort Ordinarius für Logistikmanagement und der Vorsitzende der Jury des Awards. Die Blogredaktion hat mit ihm über den Award und die Notwendigkeit des nachhaltigen Handelns im Straßengüterverkehr gesprochen.

Toll Collect: Warum wurde der Eco Performance Award ins Leben gerufen?

Prof. Stölzle: Nachhaltigkeit ist ein sehr wichtiges Thema für den Güterverkehr. Mit dem Award wollten wir in denjenigen Sektor reingehen, der am meisten betroffen ist – nämlich die Straße. Wir waren 2006 die Ersten, die einen solchen Preis ins Leben gerufen haben. Inzwischen gibt es viele davon.

Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere des Eco Performance Awards?

Prof. Stölzle: Für uns ist es wichtig, dass wir unabhängig und neutral sind. Wir sind einerseits mit der Beteiligung der Uni St. Gallen wissenschaftlich up to date. Auch deshalb habe ich in Vertretung der Universität den Jury-Vorsitz übernommen. Und man darf nicht vergessen: Wir bekommen als Universität durch die Bewerbungen, die wir in jedem Jahr beurteilen, die neuesten Innovationen direkt auf den Schreibtisch geliefert.

Zum anderen ist der Award praxisbezogen und anwendungsorientiert ausgerichtet. Dafür ist die Jury mit hochrangigen Entscheidungsträgern besetzt. Sie sind das wertvollste Gut und zugleich ein Qualitätssiegel für den Award. Auch der mehrstufige Prozess, den die Bewerber durchlaufen, ist ein USP (Unique Selling Proposition oder auch Alleinstellungsmerkmal; Anmerk. der Redaktion) der Awards.

Professor Wolfgang Stölzle, Juryvorsitzende beim Eco Performance Award

Professor Wolfgang Stölzle vom Lehrstuhl für Logistikmanagement St. Gallen ist der Juryvorsitzende beim Eco Performance Award

Die Kriterien für die Bewerbungen werden permanent an die technologische  und gesellschaftliche Entwicklung angepasst. Denn die Technologien, die Anforderungen in der Praxis und die gesellschaftliche Bedeutung von Nachhaltigkeit verändern sich. So haben wir in diesem Jahr neu die Kategorie „Improver of the year“. Hier schaut sich die Jury an, welches Unternehmen den größtmöglichen Fortschritt in den relevanten Nachhaltigkeitsdimensionen gemacht hat. Die Kategorie haben wir eingeführt, weil man beispielsweise deutsche Standards nicht einfach auf Unternehmen in anderen europäischen Ländern übertragen kann. Es zählen hier vor allem die realisierten Verbesserungen, unabhängig wo ein Flottenbetreiber in Europa tätig ist.

Wie messen Sie diesen Fortschritt, den die Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit gemacht haben?

Prof. Stölzle: Wir haben einen sehr ausführlichen, standardisierten Fragebogen, den die Bewerber ausfüllen müssen. Der verlangt sehr viel Fleißarbeit und Detailwissen. Auch das ist etwas, was den Eco Performance Award auszeichnet. Bei der Kategorie „Improver of the year“ stellen wir eine Delta-Betrachtung an. Wir schauen uns beispielsweise die Entwicklungen beim Emissionsausstoß, dem Treibstoffverbrauch pro 100 Kilometer, beim Co2-Reporting oder bei der Fluktuation der Fahrer an.

Welches Unternehmen hat Sie in den vergangenen Jahren besonders beindruckt?

Prof. Stölzle: Wir haben vor etwa vier Jahren ein kleineres mittelständisches Unternehmen pämiert, das in rein elektrisch angetriebene Lkw investiert hat. Die Fahrzeuge hat es von einem Schweizer Hersteller, E-Force, gekauft und anpassen lassen. Heute werden die Fahrzeuge u.a. in der Lebensmittelverteilung in Berlin eingesetzt. Der Mittelständler war in zwei Bereichen ein absoluter Pionier: Zum einen, weil er der technologischen Entwicklung im Grunde fünf Jahre voraus war. Zum anderen, weil der Lkw-Hersteller ein damals eher unbekanntes Unternehmen mit Start-up-Charakter war und damit erhebliche Risiken für den Dienstleister einher gingen. Das fand ich sehr beeindruckend.

rein elektrischer Lkw E-Force

Der Schweizer Lkw-Hersteller E-Force produziert rein elektrische Lkw für den innerstädtischen Verteilerverkehr. Foto: E-Force One AG

Was sind aus Ihrer Sicht die dringendsten ökologischen und sozialen Themen, die in der Logistik angepackt werden sollten?

Prof. Stölzle: Im sozialen Bereich ist das ganz klar der Mangel an Fahrer und Disponenten, der europaweit herrscht. Das Problem wird nicht in kurzer Zeit zu lösen sein. Gerade deshalb achten wir bei den Bewerbern für den Award sehr stark darauf, wie die Unternehmen mit ihren Fahrern und Disponenten umgehen.

Im ökologischen Bereich gibt es zuerst einmal die große Herausforderung, zu klären, in welche Richtung es geht. Welches ist das Kernproblem? Der Feinstaub oder die Co2-Emissionen Es ist schwer abzusehen, welche Entwicklung das Rennen macht. Wo soll man investieren? Sind es die E-Lkw, die Oberleitungs-Lkw oder doch die LNG-Fahrzeuge? Das Lösungsspektrum ist breit gefächert. Die Unternehmen wollen genau wissen, wohin die Reise geht. Denn wenn sie investieren, geht es um viel Geld. Da ist die Unsicherheit in der Branche momentan sehr groß.

Was wäre aus Ihrer Sicht eine Entscheidungshilfe für die Unternehmen?

Prof. Stölzle: Das ist für mich schwer einzuschätzen. Denn das ist ein politisches Thema. Derzeit ist es so, dass die Verkehrspolitik in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich ausgerichtet ist. Die Länder bilden gemeinsame EU-Ziele auf ganz verschiedene Art ab. Meiner Meinung nach hilft politische Gradlinigkeit und Kontinuität den Unternehmen, sich für klar ausgerichtete Investitionsprogramme zu entscheiden.

Keine einheitliche Lösungen in Europa

In den europäischen Ländern ist die Verkehrspolitik sehr unterschiedlich. Foto: panthermedia

Welcher Bereich in der Logistik ist Ihrer Meinung nach derzeit aus Sicht der Ökologie bzw. der Nachhaltigkeit besonders im Wandel?

Prof. Stölzle: Das ist und bleibt für mich ganz klar der Straßengüterverkehr. Wenn man sich allein die Co2-Bilanzen anschaut: Circa 20 Prozent des Co2-Ausstoßes in Deutschland kommen vom Verkehr generell. Davon kommen etwa 90 Prozent allein vom Straßenverkehr. Fest steht, dass der Straßengüterverkehr in den kommenden Jahren weiter wachsen wird – wenn auch nicht mehr ganz so stark wie in der Vergangenheit. Unter dieser Maßgabe lohnt es sich in diesem Bereich der Logistik, den Schwerpunkt beim Thema Nachhaltigkeit zu setzen.

Was zeichnet die in diesem Jahr nominierten Unternehmen aus?

Prof. Stölzle: Wir haben in diesem Jahr eine Rekordzahl an Bewerbungen erhalten. Die Jury hat in einer ersten Runde sieben Bewerber ausgesucht, die sich heute persönlich vorstellen, ihre Konzepte präsentieren und sich den kritischen Fragen der Jury stellen. Die eingeladenen Unternehmen zeigen sich in ihrer schriftlichen Bewerbung alle als preiswürdig. Am Abend entscheidet die Jury hinter verschlossenen Türen, welche Unternehmen wir endgültig für den Eco Performance Award nominieren. In den kommenden Wochen besuchen wir Unternehmen aus dieser Shortlist und entscheiden danach über die Gewinner. Die Preisverleihung findet dann im Rahmen der Messe Transport & Logistik in München am 5. Juni 2019 statt.

 

In der nächsten Woche stellt der Toll Collect-Blog die nominierten Unternehmen an dieser Stelle vor.

 

 

 

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