19.06.2020 | Stephanie Kunert

„Ich sehe die Logistik als eine Gewinnerin der Krise“

Seit mehr als drei Monaten gelten in Deutschland und Europa bedingt durch Covid-19 mehr oder weniger strenge Ausnahmeregeln. Auch und gerade in der Logistik. Da systemrelevant musste der Betrieb weitergehen – aber eben anders als vorher. Wie genau ist derzeit die Situation und was bedeutet das für die Zukunft der Logistik? Der Toll Collect-Blog hat darüber mit Marcel Frings, Vorstand der Straßenverkehrsgenossenschaft, gesprochen.

Blogredaktion: Herr Frings, Sie kennen die Logistik seit vielen Jahren. Aus Ihrer Sicht: Wie geht es der Branche derzeit?

Marcel Frings: Die Situation ist vielschichtig. Wir erleben auf der einen Seite eine hohe Nachfrage, beispielsweise im Lebensmittelbereich. Auf der anderen Seite, vor allem in den spezialisierten Bereichen wie der Automobilbranche, sehen wir genau das Gegenteil. Dort sind die Autotransporter oder die Kontrakt-Logistiker im just in time-Bereich sehr gering nachgefragt. Das ist natürlich eine starke Herausforderung für die Logistik. Aber die Logistik hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie flexibel agieren kann.

„Die Preise geraten unter Druck“

Ein weiterer Punkt ist das Thema der Preise. Das bestätigen mir nicht nur die Transportunternehmer, sondern auch der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Hier spreche ich vor allem vom Spotmarkt – dem kurzfristigen Transportsektor, bei dem Fracht- und Laderaum zusammenkommen. Diese Preise geraten momentan sehr stark unter Druck und sind auch teilweise für die Unternehmen gar nicht mehr auskömmlich. Das ist kritisch zu sehen. Denn die Unternehmen leiden da jetzt drunter und können auch für die Zukunft in ein schwieriges Fahrwasser geraten. Da ist es auch Aufgabe der beauftragenden Verlader und Spediteure zu schauen, wie sie mit ihren Transportunternehmern aktuell umgehen, damit sie sie in der Zukunft nicht verlieren.

Blogredaktion: Wie können Sie als SVG den Fahrern, die derzeit draußen unterwegs sind, helfen?

Marcel Frings: Kenner der Logistik

Marcel Frings, Vorstand der SVG

Marcel Frings: Den Fahrern helfen wir auf unterschiedliche Arten. Wir unterstützen beispielsweise die Aktion SaniStop von DocStop. Dabei geht es darum, den Lkw-Fahrerinnen und Fahrern besonders in der jetzigen Zeit von Corona den Zugang zu sauberen sanitären Einrichtungen zu ermöglichen. Hier sind wir unter anderem Partner mit unseren Autohöfen.

Zusätzlich bieten wir für die Unternehmen kostenlose Seminare über die SVG-Akademie an. Diese beinhalten beispielsweise – in Kooperation mit dem BGL – eine wöchentliche Information zu den Covid-19-Konsequenzen im Transportgewerbe. Prof. Dr. Dirk Engelhard berichtet aus seinen Gesprächen mit den Verkehrsministerien, Verbandskollegen und Transportunternehmern.

In der Logistik ist Deutschland Weltmeister

Blogredaktion: Wie sehen Sie die Zukunft der Fahrer, der Unternehmen und der Logistikbranche insgesamt – vor allem nach Beendigung der Covid-19 Maßnahmen?

Marcel Frings: Ich denke, es ist herausfordernd und spannend zugleich, wie sich die Arbeitswelt schon jetzt verändert und wie sie sich für die Zukunft nachhaltig verändern wird. Ich sehe die Logistik als eine Gewinnerin der Krise. Sie ist systemrelevant, sie versorgt die Menschen, die Gesellschaft mit den notwendigen Gütern. Keiner von uns hat wirkliche Engpässe erlitten, gerade in der Versorgung von Grundnahrungsmitteln und weiteren Dingen. Das ist die deutsche Logistik. Deswegen ist Deutschland auch Logistikweltmeister.

Ich hoffe, dass die Relevanz der Logistik weiter ins Bewusstsein der Menschen rückt. Vor allem muss man herausheben, wie wichtig das Personal ist – und hier explizit hervorgehoben die Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer. Sie sorgen tagtäglich dafür, dass die Waren von den unterschiedlichen Produktionsunternehmen zu den unterschiedlichen Lagern, dann wiederum zum Ort des Verkaufs gebracht werden.

Es kommen sicher auch nach der Krise schwierige Zeiten. Einige Unternehmen werden die Krise nicht überleben. Wir werden darauf achten müssen, dass wir trotzdem weiterhin eine Vielzahl Unternehmen im klein- und mittelständischen Bereich haben. Denn gerade diese Vielzahl und diese Breite an Unternehmen, die wir in Deutschland haben, ist ein Stützpfeiler der Logistik.

Kommentare (1)

Thomas Berninger
15.08.2020 20:24

Herr Frings, die Aussage bzgl. der Gewinnerin hätte ich mir gespart, ist recht verwirrend aus meiner Sicht. Damit haben Sie einem großen Teil der Branche keinen Gefallen getan. Geradezu unfaßbar.