24.05.2016 | Oliver Jesgulke

Gesund auf Achse – DocStop für Berufskraftfahrer

Wenn Berufskraftfahrer unterwegs auf der Autobahn medizinische Hilfe brauchen, dann rufen sie DocStop an. Rund 700 niedergelassene Haus- und Fachärzte sowie Krankenhäuser machen mit.

Gegründet wurde „DocStop für Europäer“ 2007 von Rainer Bernickel, heute stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Der pensionierte Beamte kennt aus seinen Jahren bei der Autobahnpolizei Münster nur allzu gut die Sorgen ermüdeter oder kranker Berufskraftfahrer – und die Gefahren, die von ihnen ausgehen. Im Jahr 2000 organisierte er den ersten Fernfahrerstammtisch. Bei den informellen Treffen kommen Berufskraftfahrer zusammen, um sich über ihren Alltag auf Rädern auszutauschen. Mit am Tisch ist auch immer ein Verkehrssicherheitsberater der Polizei. Man kennt sich untereinander, ist per Du. Die Gesprächsthemen drehen sich um Lenk- und Ruhezeiten, Mindestabstände und Radarkontrollen. Solche Stammtische gibt es heute an vielen Autobahnen, aktuell in 14 Bundesländern. Bei einer der Sitzungen kam irgendwann die mangelnde medizinische Versorgung der Berufskraftfahrer zur Sprache. Für Bernickel war dies der Anlass, DocStop zu gründen.

Berufskraftfahrer bevorzugen Bordapotheke statt Arztbesuch

Rainer Bernickel

Rainer Bernickel, Initiator der DocStop-Initiative

Meist plagen Trucker nach Tagen und Wochen hinter dem Steuer neben Schlafmangel vor allem Zahnschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen und Rückenbeschwerden. Doch wohin bei akuten Problemen? Arztpraxen entlang der Autobahnen sind rar gesät oder die Berufskraftfahrer wissen schlichtweg nicht wohin. Hinzu kommen die gesetzlich vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten sowie Termindruck und logistische Zwänge. Und wer sucht schon gerne mit dem 40-Tonner werktags einen Parkplatz in der Innenstadt. Dazu lange Wartezeiten in überfüllten Praxen. Viele Fahrer versuchen daher mit Hilfe der eigenen Bordapotheke durchzuhalten. Durch falsche Dosierung von Medikamenten kann es aber zu Unfällen kommen. Nach Angaben von Medizinern liegt das Risiko der Berufskraftfahrer, später an chronischen Krankheiten zu leiden, besonders hoch. Die Arbeitsbedingungen würden einen ungesunden Lebensstil begünstigen. Allergien, Übergewicht und hoher Blutdruck sind unter den Fahrern weit verbreitet.

700 Anlaufstellen bundesweit für Trucker

Treten Beschwerden auf, funktioniert Hilfe via DocStop vergleichsweise einfach: An 365 Tagen im Jahr ist die mehrsprachige Hotline rund um die Uhr erreichbar. Die Trucker erfahren den Standort des nächstgelegenen Allgemeinmediziners oder Zahnarztes auf ihrer Route. Auch überall, wo der Fahrer das markante DocStop-Logo entdeckt, gibt es Hilfe vom Servicepersonal an Raststätten und Autohöfen oder durch Mitarbeiter von Speditionen. Bei ihnen erhalten die Hilfesuchenden Informationen zu Arztpraxen und Krankenhäusern, die nicht weiter als vier Kilometer entfernt liegen. Damit Lkw- und Busfahrer unterwegs spontan einen Arztbesuch einlegen können, kooperiert der Verein bundesweit mit mehr als 700 Partnern entlang der Autobahnen. Auf 42 Seiten wurden vom Verein Öffnungszeiten, Adressen und Telefonnummer sowie Parkplatzmöglichkeiten vor Ort in einem Verzeichnis zusammengetragen, das regelmäßig aktualisiert wird und im Internet abrufbar ist. Zudem gibt es eine App für Smartphones und Tablets.

Logo DocStop

Europaweites Netzwerk im Aufbau

Die beteiligten Mediziner nehmen freiwillig und ohne vertragliche Basis an dem Projekt teil. Sie erklären sich bereit, erkrankte Berufskraftfahrer soweit möglich bevorzugt zu behandeln. Manche Ärzte fahren sogar direkt zum Lkw-Stellplatz an der Autobahn und kümmern sich im Fahrerhaus um den Patienten. Abgerechnet wird anschließend über die Krankenversicherungskarte. Rund 400 Fahrer nutzen jeden Monat den kostenlosen Infoservice von DocStop – Tendenz steigend. Der Verein versucht mit regelmäßigen Kommunikationsmaßnahmen die rund 530.000 Berufskraftfahrer auf Deutschlands Straßen zu erreichen. Rainer Bernickel und sein Team sind dazu an mehr als 250 Tagen im Jahr unterwegs. Auf Messen und Veranstaltungen sowie an Rast- und Autohöfen klären sie über die Arbeit des Vereins auf. Zu den Fördermitgliedern gehören neben staatlichen Stellen namhafte Lkw- und Sattelzughersteller, der ADAC, die DEKRA sowie viele Speditionen, denn auch sie profitieren von der medizinischen Versorgung ihrer Fahrer. Aktuell werden auch weitere Mediziner für das Projekt gesucht. Ziel ist ein europaweites Netzwerk, das möglichst lückenlos den mobilen Arztbesuch möglich machen soll. So konnte DocStop bereits in Dänemark, Polen, den Niederlanden und Österreich Ableger gründen. In Frankreich, Tschechien und Ungarn sind weitere Organisationen im Aufbau.

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