23.04.2019 | Stephanie Kunert

Fahrermangel ist europäisches Problem

In Europa herrscht Fahrermangel. Derzeit sind europaweit bereits ein Fünftel aller Fahrerstellen nicht besetzt. In acht Jahren sollen allein in Deutschland 185.000 Fahrer fehlen. Das sagt die Internationale Straßen-Union (IRU) in einem aktuellen Bericht.

Für ihre Untersuchung zum Fahrermangel hat die IRU Berichte von europäischen Interessengruppen ausgewertet und selbst Umfragen unter Mitgliedern und Partnerverbänden sowie unter Fahrern durchgeführt.

Eine wichtige Erkenntnis: Das Problem des Fahrermangels herrscht europaweit und nimmt derzeit rasant an Bedeutung zu. Die IRU geht davon aus, dass bereits bis zum Ende dieses Jahres 40 Prozent der Fahrer in Europa fehlen. Das liegt zum einen an der weiterhin steigenden Nachfrage an Berufskraftfahrern. Zum anderen ist der Altersdurchschnitt in diesem Berufssektor hoch. Viele Fahrer gehen in den nächsten Jahren in Rente. Laut IRU werden beispielsweise in Deutschland 40 Prozent der Fahrer im Jahr 2027 in den Ruhestand gehen.

Aktive Fahrer sind überwiegend zufrieden

Dass der Beruf viele Möglichkeiten bietet, spannend ist und Spaß macht, das sagen die meisten der befragten Kraftfahrer in der IRU-Umfrage. Die Zufriedenheit der Berufskraftfahrer sei generell hoch – nur 20 Prozent der Befragten hätten sich unzufrieden über ihre Arbeit geäußert. Warum also ist die Nachwuchssuche so schwierig? Eine große Herausforderung bei der Nachwuchsgewinnung sei das schlechte Image des Berufes, glauben mehr als die Hälfte der befragten Fahrer. Fast 80 Prozent sagen, der Fahrermangel ist darin begründet, dass es schwer sei, Frauen für diesen Beruf zu gewinnen. Und 70 Prozent der Fahrer unter 34 Jahren geben an, dass zu wenig junge Menschen angesprochen und mit dem Beruf vertraut gemacht werden. Außerdem nennen die Befragten auch die lange Abwesenheiten als einen Hinderungsgrund, diesen Beruf zu ergreifen.

IRU Studie Fahrermangel

IRU Studie zum Fahrermangel: Jüngere Lkw-Fahrer sind mit ihren Jobs deutlich zufriedener als über 45-Jährige. Grafik: IRU

Die Lösung gegen Fahrermangel: Mehr Frauen und junge Leute begeistern

Laut IRU-Geschäftsführer Boris Blanche müsse die Branche ihre Einstellungspolitik ändern, um mehr junge Leute und Frauen für den Beruf zu gewinnen. Die IRU will nun ein Netzwerk für Frauen im Transportbereich aufbauen. Dies zielt darauf ab, den Transportsektor als attraktiven Arbeitsgeber für Frauen zu zeigen und somit die Anzahl der Frauen auf allen Arbeitsebenen zu erhöhen. Laut dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) hat die Branche auch dahingehend Nachholbedarf, die Infrastruktur und die Abläufe so anzupassen, dass sich Frauen in diesem Beruf wohler fühlen. Beispiele dafür sind die Arbeitsbedingungen an der Rampe, die teilweise unzumutbaren hygienischen Zustände für Fahrerinnen an Raststätten und Parkplätzen oder die laut BGL „unzureichend ausgeprägten menschlichen Umgangsformen“.

Doch man darf nicht den Eindruck haben, die Branche habe das Problem noch nicht erkannt. Transportunternehmen, Verbände und Fachmedien haben Initiativen gegründet, um Frauen und jungen Menschen in Logistikberufen zu fördern. Die Spedition Reinert hat 2015 die Initiative „Women behind the wheel“ gegründet und unterstützt Frauen beim Einstieg in den Beruf als Fahrerin. Das Unternehmen fördert speziell Frauen aus anderen Berufsgruppen als Quereinsteigerinnen und finanziert beispielsweise den Lkw-Führerschein. Die Nachwuchsinitiative „Hallo, Zukunft!“ von VerkehrsRundschau und Trucker zeigt Gymnasiasten, Real- und Hauptschülern die Chancen und Möglichkeiten der Berufe in Verkehr und Logistik. Die Initiative „Mach-was-abgefahrenes“ vom BGL, der SVG und Kravag wirbt ebenfalls für Logistik-Berufe. Sie wendet sich an Schüler und Absolventen, aber auch an Quereinsteiger. Die Bundesvereinigung Logistik (BVL) unterstützt die Kampagne „Logistikhelden“, die Mitarbeiter und deren Aufgaben in unterschiedlichen Firmen und Branchenbereichen vorstellt.

 

Maßnahme gegen Fahrermangel: Frauen ans Lenkrad.

Frauen ans Lenkrad. Initiativen versuchen, Frauen als Berufskraftfahrerinnen zu gewinnen.

Automatisierung ersetzt keinen Fahrer

Der Fahrerberuf ist und bleibt einer mit Zukunft. Auch darauf geht die IRU in ihrem Bericht ein und betont, dass die Automatisierung das Problem des Fahrermangels nicht lösen wird. Dieses Argument unterstützt der BGL. Aufgrund der Berichte über beispielsweise Platooning oder autonom fahrende Lkw entstehe bei vielen jungen Leuten der Eindruck, Lkw-Fahrer sei ein Beruf ohne ausreichende Zukunftsperspektive. Dabei wird sich durch die zunehmende Digitalisierung lediglich das Tätigkeitsbild verändern. Denn der Lkw-Fahrer fahre ja nicht nur. Er sei Begleiter der ihm anvertrauten Güter, verantwortlich für die Übergabe an den Empfänger sowie für Transport- und Ladungssicherung. Und: Nur ein Mensch sei in der Lage, bei von der Technik nicht vorhergesehenen Ereignissen einzugreifen. Der BGL kommt daher zu dem Schluss, dass der Lkw-Fahrer auf lange Sicht hin nicht zu ersetzen sei.

EU-Parlament befürwortet neue Arbeitsregeln für Lkw-Fahrer

Mit der Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Berufskraftfahrern beschäftigte sich Anfang des Jahres auch das Europäische Parlament. Es hat Anfang des Monats zugestimmt, dass die Regeln für Fernfahrer europaweit überarbeitet werden. Im nächsten Schritt verhandelt das Parlament nun mit den Mitgliedstaaten über die beschlossenen Punkte.

In dem Maßnahmenpaket geht es vor allem darum, die Lastwagenfahrer auf den europäischen Straßen vor Ausbeutung und schlechten Arbeitsbedingungen zu schützen. Die Abgeordneten wollen neue Mindestlohnregelungen durchsetzen und erreichen, dass Fahrer ihre Hauptruhezeiten nicht mehr in ihren Fahrerkabinen verbringen müssen. Außerdem soll es untersagt sein, dass Berufskraftfahrer monatelang in Europa unterwegs sein dürfen, ohne ihr Heimatland zu sehen. Sie sollen mindestens alle vier Wochen in ihr Heimatland zurückkehren dürfen.

Auch Vorschläge deutscher Verbände wurden angenommen. So hat sich der BGL dafür ausgesprochen, einen Lenkzeitzuschlag einzuführen. Der besagt, dass Fahrer auf dem Weg nach Hause ins Wochenende maximal zwei Stunden länger fahren dürfen. Die Zeit muss der Fahrer in der kommenden Arbeitswoche wieder ausgleichen. Aber der Lenkzeitzuschlag ermöglicht es dem Fahrer oder der Fahrerin trotz ungeplanter Verzögerungen auf der Strecke, das Wochenende bei den Familien zu verbringen. Man sieht: Oft sind es kleine, aber kreative Ideen, die das Leben als Berufskraftfahrer enorm verbessern und den Beruf noch attraktiver machen können.

Kommentare (2)

Claudia Andreß
28.04.2019 08:35

Hallo ,
ich bin begeistert das anscheinend endlich mal was ins rollen kommt, nur schade dass Frauen erst jetzt beachtet werden wo es Mangel gibt. Ich selber fahre seit 7 Jahren Fernverkehr und kann sowohl Hygienische Probleme als auch ein extrem abwertendenTon gegenüber fahrenden Frauen bestätigen. Ich musste lernen damit klar zu kommen sonst wäre ich in dem Job unter gegangen, aber es hat mich auch stark gemacht, leider hat der Job auch Nachteile, ich habe durch die lange Abwesenheit von zu Hause 70% meiner sozialen Kontakte verloren, ich denke das schreckt auch viele ab den Job zu ergreifen. Das mit den 2 zusätzlichen Stunden Lenkzeit finde ich eine tolle Idee, voraus gesetzt dass Disponenten diese Lücke nicht auch noch nutzen und man wirklich nach Hause kommt habe schon oft wenige Kilometer von zu Hause gestanden und durfte nicht mehr weiter. Aus Gesprächen mit Kollegen weis ich das es auch Unmut gibt weil einfach zu wenige KOntrollen von Ausländischen LKWs statt finden, das soll nicht Ausländerfeindlich klingen aber wir stehen in einem der vielen vielen Staus die es uns echt schwer machen unsere Zeiten ein zu halten und jeder zweite LKW mit Osteuropäischen Kennzeichen zieht im Überholverbot an uns vorbei besetzt PArkplätze wie ein Heuschreckenschwarm, überholt mit weit aus mehr Tempo als erlaubt und gefährdet dadurch auch noch, da fragt man sich warum muss ich B ußgelder zahlen wenn andere nicht mal kontrolliert werden? Und dann noch eine große Bitte mal darüber nach zu denken hätte ich dann persönlich noch; anstatt einen Abbiegeassisteten Pflicht werden zu lassen, ich denke nämlich dass alle Verkehrsteilnehmer auf passen müssen, sollte man darüber nach denken ob es für Unternehmer nicht zur Pflicht werden sollte Stand-Klimaanlagen in die LKWs ein bauen zuu müssen. Wir haben in unseren welche die sich während der Fahrt auf laden, leider sind diese bei hohen Aussentemperaturen nach spätestens 4h leer, letzten Sommer habe ich viele Nächte bei über 48Grad im Fahrerhaus versucht zu schlafen was einfach nicht möglich war und musste morgens dann völlig übermüdet weiter fahren. Es wird so viel Krach wegen Kindern und Tieren im Auto gemacht, aber was ist mit uns Fahrern die die ganze Woche da unterwegs sind?

Claudia Steen
29.04.2019 11:09

Hallo Claudia Andreß, vielen Dank für den Kommentar. Wir werden über das Thema weiter berichten. Ich bitte aber um Verständnis, dass wir nicht aktiv Einfluss nehmen können.