Grafik zeigt Assistenzsysteme am Lkw
06.10.2020 | Stephanie Kunert

Assistenzsysteme im Lkw: Investition ins Leben

Assistenzsysteme im Lkw können Menschenleben retten. Welche Neuerungen gibt es auf dem Markt? Und wie werden sie in der Branche angenommen?

Allein in Deutschland könnten nach Einschätzung der Unfallforschung der Versicherer (UDV) durch Rechtsabbiegeassistenten 36 Prozent aller tödlichen Fahrradunfälle verhindert werden. Bis zum Jahr 2024 werden solche Systeme daher in allen neuen Lkw in der EU stufenweise zur Pflichtausstattung.

Abbiegen mit Assistent

Mann schraubt einen schwarzen Kasten an einen Seitenspiegel am Lkw an

Technik zum Nachrüsten: Sendsor wird am Seitenspiegel montiert. Foto: Continental

Trotzdem lässt laut der Sachverständigenorganisation DEKRA die Verbreitung der Systeme in den Flotten noch zu wünschen übrig. Eine Investition in die Sicherheit von Fahrern und anderen Verkehrsteilnehmern bedeutet für die Transportunternehmer immerhin nicht zwangsläufig eine Investition in neue Fahrzeuge.

Denn viele Zulieferer bieten Assistenzsysteme zum Nachrüsten. Continental beispielsweise brachte im Sommer 2020 einen Abbiegeassistenten zum Nachrüsten auf den Markt. Das radarbasierte System kann Radfahrer und Fußgänger im toten Winkel erkennen und klassifizieren. Die Technik lässt sich laut Unternehmen problemlos an Lastwagen und Bussen nachträglich anbringen. Die Radarsensorik wird am Außenspiegel befestigt und überwacht den Bereich bis zu vier Meter neben dem Fahrzeug und bis zu 14 Meter nach hinten.

BAG fördert Abbiegeassistenten

Aber die DEKRA warnt: Der Abbiegeassistent kann das Problem der Abbiegeunfälle nicht alleine lösen. Wichtige weitere Systeme sind akustische Warnsignalgeber am Lkw oder eine Phasentrennung des Ampel-Grünlichts zwischen Kraftfahrzeugen und Radfahrern. Auch die Aufklärung von Radfahrern und Fußgängern über die Gefahren des toten Winkels gehört dazu.

Grafik zeigt Assistenzsysteme am Lkw

Abbiegeassistent von Continental: Fahrradfahrer im Blick. Grafik: Continental

Transportunternehmer können sich beim Bundesamt für Güterverkehr über das Förderprogramm für Abbiegeassistenten informieren.

Viel Krach soll helfen

Notbremsassistenten sind seit 2015 für die meisten neu zugelassenen Serien-Lkw über 8 Tonnen vorgeschrieben. Im November 2018 trat die Ausrüstungspflicht für neu zugelassene serienmäßige Nutzfahrzeuge über 3,5 Tonnen in Kraft. Die Vorschrift verlangt von den Systemen allerdings nur eine bestimmte Verringerung der Geschwindigkeit, zum Beispiel bei pneumatischen Bremsanlagen auf ein stehendes Hindernis eine Reduktion um 20 km/h. Der Notbremsassistent warnt den Fahrer zunächst rechtzeitig mit mehreren sehr lauten Warnsignalen vor der drohenden Kollision mit einem Hindernis. Wenn der Fahrer nicht reagiert, leitet das System selbsttätig eine Bremsung ein. Viele der heute verfügbaren Systeme leisten allerdings deutlich mehr als diese Vorgabe.

Assistenzsysteme im Lkw immer besser

„Die Fahrzeuge kommen – je nach Ausgangsgeschwindigkeit – in den meisten Fällen selbst vor einem stehenden Hindernis komplett zum Stillstand und vermeiden die Kollision. Das haben unsere Versuchsfahrten auf unserem Testgelände am Lausitzring mit verschiedenen Lkw-Fabrikaten gezeigt“, erklärt DEKRA Vorstand Clemens Klinke. „In den anderen Fällen bauen die Systeme durch die automatische Gefahrenbremsung den allergrößten Teil der Bewegungsenergie ab, so dass eine Kollision am Ende wesentlich geringere Auswirkungen hat.“

Der Hersteller DAF beispielsweise führt für drei Modellreihen serienmäßig ein erweitertes Notbremssystem ein. Das Advanced-Emergency-Braking-System (AEBS) ermöglicht vollautonome Notbremsungen, um Zusammenstöße auch mit sich bewegenden Hindernissen zu vermeiden. Der Regelbereich reicht hinauf bis 80 km/h. Für das neue Notbremssystem verwendet DAF ein duales Radar mit 16 statt bisher sieben Antennen für die Erkennung im Nah- und Fernbereich. Die Erfassungsreichweite beträgt bis zu 250 Meter. Der Sichtwinkel für den Nahbereich wurde von 50 auf 120 Grad erweitert.

Grafik von DAF zum Wahrnehmungsbereich des Systems

Der Notbremsassistent nimmt in einem Winkel von 120 Grad Hindernisse wahr. Grafik: DAF

Erste Ergebnisse zu sehen

Erste positive Auswirkungen von Notbremsassistenten auf die Unfallstatistik lassen sich bereits feststellen. Das zeigt eine aktuelle Analyse aus dem Verkehrssicherheits-Screening in Baden-Württemberg mit Blick auf Autobahn-Unfälle, bei denen Sattelkraftfahrzeuge Hauptverursacher waren. Danach ist hier zwischen 2015 und 2017 der Anteil der Auffahrunfälle von knapp 61 Prozent auf 54 Prozent gesunken. Waren 2015 noch fast 73 Prozent aller Getöteten und Schwerverletzten bei Auffahrunfällen zu verzeichnen, sank der Anteil bis 2017 auf gut 66 Prozent. Bei den polizeilich geschätzten Sachschäden zeigt sich ein ähnliches Bild (2015: 73 Prozent bei Auffahrunfällen, 2017: 63 Prozent).

Trotz allem dürfen sich Lkw-Fahrer nicht blind auf ihr Notbremssystem verlassen. „Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass Fahrer denken: ‚Ich kann mich am Steuer ruhig ablenken lassen und mit anderen Dingen beschäftigen, im Ernstfall rettet mich ja der Notbremsassistent'“, meint Klinke. „Assistenzsysteme sollen dem Fahrer helfen, wenn er einen Fehler macht – nicht mehr und nicht weniger.“

Kommentare (0)