20.03.2020 | Stephanie Kunert

Abbiegeassistent: Technik, die Leben rettet

Schluss mit dem toten Winkel – der Einsatz vom Abbiegeassistent für Lkw kann für mehr Sicherheit auf den Straßen sorgen. Ausgereifte Nachrüstsysteme und Fördermöglichkeiten gibt es. Eine gesetzliche Pflicht allerdings noch nicht.

Die Dimensionen eines Lkw sind beachtlich: Bis zu vier Meter beträgt die Höhe eines Lkw, knapp 20 Meter die Länge, bis zu 40 Tonnen das Gewicht. Gerade der Stadtverkehr ist für die Giganten der Straße unberechenbar und erfordert von den Fahrern höchste Konzentration: Ampeln, Beschilderungen, Gegenverkehr, Verkehr von der Seite, Fußgänger und Radfahrer. Zwar unterstützt ein ganzes Spiegelsystem den Fahrer auf der Beifahrerseite bestehend aus Haupt-, Nahbereichs-/Anfahrspiegeln, Weitwinkel- und Rampenspiegel, doch ein Restrisiko bleibt: Ein vorbeifahrender Radfahrer ist je nach Geschwindigkeit in jedem der Spiegel weniger als eine Sekunde sichtbar. Da der Fahrer ständig den Verkehr auf allen Seiten seines Trucks beobachten muss, kann der Radler jedoch leicht übersehen werden.

Ein Beispiel aus Vancouver: Geschützte Fahrradbereiche im öffentlichen Straßenverkehr. Foto: ADFC

Ein Unfall mit einem Lkw ist lebensgefährlich. Nach Angaben des Statischen Bundesamtes und einer Analyse der Unfallforschung der Versicherer (UDV) sind deutschlandweit 54 Fußgänger und 52 Radfahrer bei Zusammenstößen mit Lkw über 3,5 Tonnen getötet worden. Rund 60 Prozent der getöteten Radfahrer geht auf das Konto von Abbiegeunfällen, bei Fußgänger sind es elf Prozent.

Abbiegeassistent als Nachrüstsystem

Abhilfe gegen dieses Unfallszenario versprechen Abbiegeassistenten. Sie sollen den Lkw-Fahrer auf Personen und bewegliche Objekte aufmerksam machen, die sich rechts neben dem Fahrzeug befinden, und vor möglichen Kollisionen während des Abbiegens warnen. Dazu wird beispielsweise ein Kamerasystem an der rechten Fahrzeugflanke ab etwa 1,30 m Höhe montiert und das Bild auf einen Monitor nahe der rechten A-Säule übertragen. Zusätzliche Ultraschall- oder Radarsensoren an der rechten Fahrzeugseite können per Anzeige und Warnton vor Verkehrsteilnehmern im toten Winkel warnen.

Die UDV schätzt, dass sich mittels dieser Technologie rund 60 Prozent aller Unfälle von Radfahrern und Fußgängern mit einem Lkw vermeiden ließen. Einfache Systeme sind ab etwa 1.000 Euro inklusive Einbau erhältlich, für erweiterte Systeme mit Sensorik und Monitoren müssen bis zu 3.500 Euro ohne Einbau investiert werden. Hersteller für Nachrüstlösungen sind unter anderem Mobileye, Mekra, Luis Technology oder Wühlhorst Fahrzeugbau. Der ADAC hat die verschiedenen Systeme der Anbieter bei Versuchen auf einem Testgelände und während der Fahrt im realen Straßenverkehr getestet. Das Kraftfahrt-Bundesamt erteilt aktuell neun Abbiegeassistenten eine Aktuelle Betriebserlaubnis – kurz AE.

Der ADAC hat Abbiegeassistenten getestet. Grafik: ADAC

Pflicht lässt weiter auf sich warten

Um die Unfallzahlen zu reduzieren, ist die Bundesregierung gesetzlich eingeschritten: Lkw über 3,5 Tonnen dürfen beim Rechtsabbiegen innerorts nur noch Schritttempo fahren. Einen anderen Weg geht Wien. Ab dem Jahr 2021 ist das Rechtsabbiegeverbot für alle Fahrzeuge über 7,5 Tonnen ohne Abbiegeassistenten verboten. Ausgenommen sind Busse und Sondertransporte. London ist bereits noch einen Schritt weiter gegangen: Lkw ohne bestimmte Technik an Bord dürfen nicht in die Stadt einfahren.

Eine flächendeckende Pflicht, die Lkw mit den Assistenten auszustatten, besteht derzeit noch nicht in Deutschland. Das Fahrzeugzulassungsrecht ist Europarecht. Abbiegeassistenten können nur auf EU-Ebene gesetzlich vorgeschrieben werden. EU-weit werden die lebensrettenden Systeme für neue Lkw erst im Jahr 2022 verpflichtend. Doch bis auf europäischen Straßen tatsächlich ausschließlich Lastwagen mit Rechtsabbiegeassistenten fahren, wird es weit länger dauern. Fahrzeuge, die vorher zugelassen wurden, dürfen weiter ohne das System fahren. Für jeden neu zugelassenen Truck gilt die Regelung ab 2024.

Neue Lang-Lkw müssen dagegen schon ab Juli 2020 entsprechend ausgestattet sein, alle anderen zwei Jahre später. Viel zu spät nach Meinung von vielen Experten. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club und der Bundesverband Güterverkehr Logistik und Entsorgung haben kürzlich gemeinsam eine schnellstmögliche Umsetzung gefordert. Mit der Anschaffung schützen Flottenbesitzer nicht nur das Leben anderer Verkehrsteilnehmer, sondern bewahren auch Fahrer vor traumatischen Erlebnissen. Nach Angaben der Berufsgenossenschaft Verkehr führen 80 Prozent der tödlichen Abbiegeunfälle dazu, dass Trucker nie wieder ihren Beruf ausüben.

Der Abbiegeassistent erkennt Fußgänger ud Radfaher im rechten Bereich des Lkw.

Der Abbiegeassistent erkennt Fußgänger ud Radfaher im rechten Bereich des Lkw. Foto: ADFC

Förderung für Lkw-Flotten

Das Bundesverkehrsministerium (BMVI) hat vor zwei Jahren mit der „Aktion Abbiegeassistent“ reagiert. Ihr Ziel: Unternehmen, Landkreise, Städte und kommunale Betriebe heute schon dazu zu bewegen, die eigenen Flotten von Lkw und Bussen schnellstmöglich mit Assistenzsystemen nachzurüsten. Bis Februar 2020 sind der Aktion 116 offizielle Partner beigetreten, darunter große Discounter, Speditionen und kommunale Abfallentsorger. Mit der Aktion ist ein Förderprogramm verbunden. 2020 stehen wieder zehn Million Euro an Fördergeldern für freiwillige Aus- und Umrüstung von Nutzfahrzeugen ab 3,5 Tonnen bereit. Anträge müssen beim zuständigen Bundesamt für Güterverkehr gestellt werden. Ein Unternehmen kann sich bis zu 80 Prozent der Kosten, maximal aber 1.500 Euro erstatten lassen. Nach einem Bericht der Verkehrsrundschau war der Fördertopf für 2019 innerhalb von 43 Minuten leergeschöpft. Laut dem Netzwerk Logistik Mitteldeutschland e.V. reichten die Gelder für eine Nachrüstung von etwa 7.000 Fahrzeugen.

Auch einzelne Bundesländer fördern den Einbau. Die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe in Berlin zum Beispiel stellt jährlich zwei Millionen Euro hierfür zur Verfügung. Die Hauptstadt geht bei den landeseigenen Fuhrparks mit gutem Beispiel voran. So wurden schwere Fahrzeuge der Wasserbetriebe, der Messegesellschaft und der Verkehrsbetriebe bereits mit einem Abbiegeassistenten ausgestattet.

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